Die Musik von Serhii Bortkiewicz und Karol Szymanowski entstand in einem gemeinsamen kulturellen Raum – auf dem Gebiet der heutigen Ukraine am Ende des 19. Jahrhunderts. Beide Komponisten waren nahezu gleichaltrig, stammten aus wohlhabenden polnischen Familien und wuchsen in einem Umfeld auf, in dem polnische Tradition, ukrainische Landschaft und europäische Musikausbildung selbstverständlich miteinander verbunden waren. Dieser gemeinsame Hintergrund prägte ihre künstlerische Welt und bildete den Ausgangspunkt für unterschiedliche, innerlich jedoch verwandte Lebenswege.
Serhii Bortkiewicz wurde in Kharkiv geboren und studierte in St. Petersburg und Leipzig. Nach der Revolution von 1917 verlor er das Familiengut in der Sloboschanschtschyna und war gezwungen, aus der Ukraine zu fliehen. In Wien ließ er sich nieder, wurde ein angesehener Pädagoge und Komponist und erfreute sich dort großer Popularität; seine Klavierwerke wurden regelmäßig aufgeführt und verlegt. Gleichzeitig wurde sein Name – wie der vieler ukrainischer Komponisten im Exil – aus politischen Gründen über Jahrzehnte verschwiegen, weshalb seine Musik bis heute in der Ukraine nur selten zu hören ist.
Karol Szymanowski wurde im Dorf Tymoshivka auf dem Gebiet der heutigen Ukraine geboren. Sein Schaffen durchlief mehrere Entwicklungsphasen – vom späten Romantizismus über den musikalischen Modernismus bis hin zu einer tiefen Auseinandersetzung mit der Volksmusik. Die Ukraine spielte eine wesentliche Rolle für sein Weltbild, wie der Komponist selbst betonte:
„Ich wurde in der Ukraine geboren und bin dort aufgewachsen… mir sind ihr mildes Klima, ihre Wildheit und ihre Zartheit nahe.“
Das Konzertprogramm verbindet beide Komponisten durch ihren gemeinsamen historischen Kontext und durch klare Gattungsbezüge. Die Violinsonate von Bortkiewicz ist ein groß angelegtes, leidenschaftliches Werk spätromantischen Stils, geprägt von weiter Lyrik. Diese Klangwelt spiegelt sich auch im Zyklus Lyrica nova wider, in dem der Komponist eine intime, konzentrierte Sprache wählt: vier Miniaturen voller feiner harmonischer Nuancen und impressionistischer Farben. Eine besondere Rolle spielen die Mazurken op. 64 – ein persönlicher, lyrischer Dialog mit der polnischen Tradition.
Die Mazurka wird auch zum zentralen Berührungspunkt mit der Musik Szymanowskis. In seinen Mazurken op. 50 erscheint dieses Genre in einer modernen, rhythmisch und harmonisch kühnen Gestalt. Ergänzt wird das Programm durch die Romanze für Violine und Klavier – ein frühes Werk von großer gesanglicher Schönheit. Gemeinsam entfaltet das Konzert einen musikalischen Dialog zwischen zwei Komponisten, die durch ihre Herkunft, die dramatische Geschichte des 20. Jahrhunderts und eine tiefe Verbindung zur ukrainischen Erde miteinander verbunden sind.
Neumarkt 30
50667 Köln
Serhii Bortkiewicz (1877–1952)
Lyrica nova, op. 59
I. Moderato
II. Andante
III. Allegretto
IV. Con slancio
Karol Szymanowski (1882–1937)
4 Mazurken, op. 50
Nr. 1 e-Moll
Nr. 2 A-Dur
Nr. 3 cis-Moll
Nr. 4 B-Dur
Serhii Bortkiewicz (1877–1952)
3 Mazurken, op. 64
Nr. 1 a-Moll
Nr. 2 E-Dur
Nr. 3 Ges-Dur
Karol Szymanowski (1882–1937)
Romanze für Violine und Klavier, op. 23
Serhii Bortkiewicz (1877–1952)
Sonate für Violine und Klavier g-Moll, op. 26
I. Sostenuto – Allegro dramatico – Adagio
II. Andante – Agitato – Cadenza – Andante lacrimoso
III. Allegro vivace e con brio